Die Möwe Erwin

Die Möwe Erwin

Jeden Tag passieren bei gutem und bei schlechtem Wetter große und kleine Schiffe eine schmale Wasserstraße entlang einer felsigen Küstenlandschaft. Der alte Leuchtturm weist ihnen den Weg und sorgt auch in der Nacht und bei starken Unwettern für eine gute Sicht.

Vom Strand aus kann man die vielen Schiffe gut beobachten. Der Strand ist Erwins liebster Platz. Tagtäglich schaut er sich die großen und kleinen Schiffe an und träumt von den wilden Abenteuern der Seefahrer.

Doch eines Tages wurde Erwin von einem lauten Hupen und Motorengeräusch erschreckt, als er gerade genüsslich einen Wattwurm verschlang.

Rasch machte er sich auf den Weg und flog Richtung Hafen.

Er sah viele große Schiffe, die sich dicht an dicht durch die schmale Wasserstraße drängten. Sie hupten aufgeregt und schienen orientierungslos umherzufahren. Erwin kratzte sich mit seinem Flügel am Kopf. Keiner kennt den Hafen so gut wie er, doch so ein Chaos gab es hier noch nie. Schließlich weist der Leuchtturm den Schiffen genau den Weg.

Doch plötzlich fiel es ihm wie Schuppen von den Augen. Das Licht im Leuchtturm brannte an diesem Tag nicht. Für den Nachmittag und die nächsten Tage war schlechtes Wetter angesagt. Dichter Nebel sollte aufziehen und Gewitterwolken würden die Sicht verschlechtern. Die großen Schiffe näherten sich gefährlich nahe dem Ufer und hielten kaum Abstand zueinander.

Erwin grübelte und überlegte, wie er den Schiffen bloß helfen könnte.

Er zögerte nicht lang, schnappte sich eine kleine Laterne und band sie sich um den Hals. Kurz darauf schwebte er durch die Luft.

Die Wellen wurden immer größer und höher. Erwin sah kaum noch eine Schnabellänge voraus. Doch er fürchtete sich nicht. Er war der Einzige, der jetzt noch helfen konnte. Niemand hat den Leuchtturm mit seinen Signalen so lange und genau beobachtet wie er. Als das Hupen immer lauter wurde und der Geruch von Motoröl und schwerem Diesel stärker wurde, wusste Erwin, dass er gleich das erste Schiff erreicht haben muss.

Und tatsächlich. Plötzlich sah er eine große rote Wand vor sich auftauchen. So nahe war er einem Schiff noch nie zuvor gekommen. Er änderte seinen Kurs und flog nach oben. Dort angelangt setzte er sich auf die Reling und musste sich zuerst einen Überblick verschaffen. Es schaukelte furchtbar und der Sturm war so stark, dass er sich mit seinen Füßen um die Rehling krallen musste.

Langsam watschelte er auf der verrosteten Eisenstange umher. Er wollte sehen, wo sich das Vorderteil von dem riesigen Schiff befand. Endlich angekommen schaltete er seine gelbe Laterne an und flog hinauf zur Brücke des Schiffs. Der Lichtstrahl bahnte sich seinen Weg durch die dicke graue Nebelschicht. Seine Federn waren ganz nass und schwer geworden, doch das machte ihm nichts. Erwin mochte die stürmische und raue See.

Plötzlich sah er vor sich eine große Glasscheibe. Hier, das wusste er, saßen immer die Kapitäne der Schiffe. Sie steuerten diese riesigen Stahlklötze durch die Weltmeere und brauchten die Leuchttürme zur Orientierung.

Und tatsächlich. Erwin bewegte seine Laterne auf und ab und sah einen Älteren, bärtigen Mann mit einer blauen Mütze durch die dicke Glasscheibe gucken. Erwin fragte sich, wie lange dieser Kapitän wohl schon mit seinem Schiff umherirrte.

Jetzt sah der Kapitän auch Erwin vor der Glasscheibe umherfliegen. Er wirkte ganz erstaunt und kniff sich ins Gesicht. Er musste sichergehen, dass er nicht bereits eingeschlafen war und nur träumte, dass eine Möwe mit einer Laterne um den Hals auf seinem Schiff saß. Doch es schien die Wirklichkeit zu sein. Vor ihm flog eine klitschnasse Möwe auf und ab und schaukelte eine gelbe Lampe eifrig Richtung Westen. „Will mir der Vogel wirklich den Weg zeigen?“, fragte der Kapitän seinen Offizier. Der schaute ihn ziemlich verdutzt an und antwortete: „Scheinbar ist diese Möwe das einzige Lebewesen in dieser Gegend, was uns lebendig aus diesem Unwetter befreien kann.“

Erwin beschleunigte seine Bewegungen mit der Laterne. Langsam wurden seine Flügel schwerer und der Sturm immer stärker. „Auf was warten die denn bloß? Ich kann nicht mehr lange auf der Stelle fliegen!“, schimpfte Erwin.

Plötzlich hupte das Schiff und der Motor wurde lauter. Es brummte und ratterte und eine große schwarze Wolke umhüllte Erwin. Er konnte nichts mehr sehen und flog so schnell es nur ging hinauf in die höheren Wolkenschichten. Von dort aus sah er, wie das Schiff den Kurs Richtung Westen änderte und sich durch die hohen Wellen kämpfte.

Gerade noch rechtzeitig dachte Erwin. Vor ihm ragte ein spitzer Felsen in den Himmel. Doch zum Ausruhen war keine Zeit. Es warteten noch viele Schiffe auf seine Hilfe.

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